HSG Nordhorn-Lingen 1.Liga

Endlich zurück: Die HSG Nordhorn-Lingen ist wieder da

Handball, erste Liga

Die dunkle Dekade ist seit letztem Mai offiziell vorbei. Seit dem Abstieg 2008 aus der ersten Handball-Bundesliga hat sich bei der HSG Nordhorn-Lingen einiges getan. Mit Beginn der Saison 2019/20 ist die Handballspielgemeinschaft wieder in der „Stärksten Liga der Welt“ zu sehen. Dieser große Erfolg steht am Ende eines langen Leidensweges des Vereins, der in der Vergangenheit gleichermaßen Höhen und Tiefen erlebt hat.

Der Geist der 80er und 90er: Aus dem Stand hinter den Ligaprimus

Seit dem Zusammenschluss der beiden traditionsreichen Nordhorner Stadtklubs Sparta Nordhorn und Eintracht Nordhorn zur HSG im Jahre 1981 ging es zunächst steil bergauf. Dem Meistertitel in der Regionalliga Nord 1993, gleichbedeutend mit dem Aufstieg in die zweite Bundesliga, folgte Ende der 90er Jahre die Qualifikation für die deutsche Handballbundesliga.

Mit dem fünften Platz in der Premierensaison gelang dem Nordlicht ein Achtungserfolg in der Premierensaison. Nach einer Konsolidierungsrunde 2000/01, die mit einem ordentlichen achten Platz abgeschlossen wurde, erreichte die HSG im Jahr 2002 überraschend den Vizemeistertitel hinter Rekordmeister Kiel.

Die Goldenen Jahre und die Schicksalssaison 2008/2009

Dieser vorläufige Höhepunkt blieb nicht der einzige Erfolg. Zwischen 2002 und 2008 qualifizierten sich die Nordhorner viermal für einen europäischen Wettbewerb. Hinter dem deutschen Nationalspieler Holger Glandorf, dem in der Region verwurzelten Rückraumspieler, etablierte sich die HSG als gefährliche Mannschaft, die vor allem im heimischen Euregium jeden Gegner schlagen konnte.

Auf internationaler Bühne stets ein Aushängeschild der HBL konnte die HSG 2008 den größten Erfolg der Vereinshistorie verbuchen. Im Frühjahr bezwang Nordhorn den dänischen Vertreter FCK Håndbold Kopenhagen in zwei spannenden Finalspielen (31:27, 29:30) mit 60:57 und gewann den EHF Pokal. Die darauffolgende Saison sollte in sportlicher Hinsicht eine zufriedenstellende werden. Man zog ins Finale des Pokals der Pokalsieger ein und beendete die Saison auf einem soliden achten Rang.

Finanzielle Probleme jedoch führten dazu, dass gegen den Verein ein Insolvenzverfahren angestrengt wurde. Der Verein war unter anderem nicht mehr in der Lage, die ausstehenden Gehälter seiner Spieler zu bezahlen. Die Behörden durchsuchten zudem die Wohnungen von Trainern, Spielern und Funktionären. Dies bewirkte, dass die Nordhorner am Ende der Saison den Gang in die zweite Liga als Zwangsabsteiger antreten mussten.

Nordhorn und Lingen: eine Kooperation für die Zukunft

Um der bedrohlichen finanziellen Situation zu begegnen, einigte sich der Verein schon im Herbst 2008 auf eine Zusammenarbeit mit der Stadt Lingen und lokalen Geldgebern. Die Verbundenheit mit dem Emsland wird durch den neuen Namen HSG Nordhorn-Lingen ausgedrückt. Heimspiele werden seit 2013 sowohl im altehrwürdigen Euregium als auch in der Lingener EmslandArena ausgetragen.

Mit dem neuen Namen begann auch eine neue Zeitrechnung. Die goldenen Jahre und die Träume für die Zukunft waren jäh beendet worden. Der Verein fand sich nach einem ordentlichen Beginn im grauen Mittelmaß der zweiten Bundesliga wieder. Namhafte Spieler wie Holger Glandorf, Tobias Karlsson, Steffen Weinhold und Peter Gentzel hatten die HSG nach dem Abstieg verlassen. Der Neustart musste folglich mit einem völlig neuen Kader in Angriff genommen werden.

Starteten die Nordhorner in der ersten Saison nach dem Abstieg noch mit einem vielversprechenden vierten Platz, versank man im Anschluss langsam im Niemandsland. In den Spielrunden zwischen 2009 und 2018 wurde der Aufstieg Saison für Saison klar verpasst, obwohl die Ansprüche längst schon wieder gewachsen waren. Binnen weniger Jahre war aus einer der besten Mannschaften Deutschlands ein biederer Durchschnittsklub geworden.

Vor der Saison 18/19 hatten dementsprechend auch die wenigsten Experten das Team aus Niedersachsen auf dem Zettel. Umso fulminanter war die Performance der HSG. Die Mannschaft blieb in der gesamten Spielzeit konstant und überzeugte sowohl im heimischen Euregium und der EmslandArena als auch bei Einsätzen in der Fremde. Am Ende der Saison 18/19 stand die HSG verdient mehrere Spieltage vor Torschluss hinter dem souveränen Tabellenführer HBW Balingen-Weilstetten als Aufsteiger in die erste Liga fest.

Die EmslandArena
Die EmslandArena wird bei Heimspielen der HSG in einen Hexenkessel verwandelt.

Aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt

Vielleicht hatte man zum Ende der goldenen Jahre zu hoch hinaus gegriffen und sich finanziell überhoben. Trotz der großen nationalen und internationalen Erfolge reichte der wirtschaftliche Spielraum nicht aus, um die Ansprüche des Vereins und mancher Verantwortlicher abzudecken. Heute sieht es aus, als hätte sich die HSG finanziell erholt und aus ihren Fehlern gelernt. Man ist demütiger geworden und bezieht aus den Erfahrungen neue Stärke.

In den letzten Jahren konnte der Verein einen wichtigen Grundstein für die Zukunft legen. Der Klub hat kontinuierlich an seiner Konsolidierung gearbeitet und konnte sich zuletzt wiederholt ohne Auflagen für den Ligabetrieb qualifizieren. Die Lizenz für die erste Liga steht stellvertretend für den wirtschaftlichen Aufschwung der vergangenen Jahre. Mit einem Erfolgserlebnis im Rücken greift die HSG nun wieder im Oberhaus an und möchte langfristig wieder an die herausragenden 00er Jahre anknüpfen.

Zurück im Hexenkessel HBL

Angeführt vom Isländer Geir Sveinsson, der das Traineramt im August vom krankheitsbedingt ausgeschiedenen Heiner Bültmann übernommen hat, wagt die HSG jetzt einen neuen Vorstoß in der „Stärksten Liga der Welt“. Die Zielsetzung ist dabei genauso klar wie zurückhaltend: Zunächst soll die Klasse gehalten werden, um sich auf lange Sicht wieder in der höchsten Spielklasse zu etablieren.

Der Start in die Saison war erwartungsgemäß schwierig. Neben deutlichen Niederlagen wurden jedoch auch einige knappe Spiele verloren. Der Tabellenplatz der Nordhorner gibt das vorhandene Potenzial nicht unbedingt wieder. Ob es am Ende für den Klassenerhalt reicht oder nicht, werden am Ende wahrscheinlich Nuancen entscheiden. Der Überraschungserfolg gegen Leipzig spendet jedenfalls Hoffnung für den Rest der Saison.

In der HBL, für manche das Nonplusultra der Handballwelt, warten große Herausforderungen auf die wiedererstarkten Handballer aus Nordhorn. Harte Zeiten ist man in Nordhorn jetzt gewohnt. Mit viel Herz, Kampf und einem gut funktionierenden Kollektiv ist der Verbleib im Oberhaus auf jeden Fall machbar.

Handballtor
Foto pixabay.com

Mit Kampfgeist auf zu neuen Ufern

Manch einer in und um den Verein betrachtet die dunklen Jahre als zu lang geratene Reifeprüfung. Im schlimmsten Fall bringen Krisenzeiten einen zu Fall. Im besten Fall entledigt man sich von Altlasten, lernt, was wirklich zählt, und wächst zusammen. Die jüngeren Erfahrungen zeigen, dass wieder viel zusammengewachsen ist. Die Mannschaft und die Führungsetage, der Verein und die Fans, Anspruch und Wirklichkeit.

Ganz gleich wie die kommende Saison verläuft, die HSG, ihre Verantwortlichen, Spieler und Fans können stolz darauf sein, welch steiniger Weg bis zum heutigen Tag zurückgelegt wurde. Ein Rückfall in den Schlendrian vergangener Tage scheint derzeit unwahrscheinlich. Mit den neuen Strukturen im Verein und der gewonnenen Überzeugung, dass mit viel Hingabe beinahe alles möglich ist, blickt die HSG in eine bessere Zukunft.

Wollen wir gemeinsam hoffen, dass das Glück der HSG hold ist und der Verein im Mai eine gute Platzierung in der „Stärksten Liga der Welt“ feiern kann.

Text