FĂŒhrerschein im Alter abgeben

FĂŒhrerschein gegen Jahreskarte: Und danach?

Die Stadt Lingen (Ems) bietet Senioren ab 80 Jahren, die freiwillig ihren FĂŒhrerschein abgeben, ein kostenloses Jahresticket an. Die Betonung liegt dabei auf „ein“: Nach einem Jahr Gratisfahrten fĂ€llt nĂ€mlich der regulĂ€re Ticketpreis an.

Belohnung oder BelÀchelung?

Als das Angebot startete, lautete die BegrĂŒndung von OberbĂŒrgermeister Dieter Krone: „Damit wollen wir vor allem die Senioren ansprechen, die selbst spĂŒren, dass sie unsicher im Straßenverkehr geworden sind“.

In einigen anderen StĂ€dten gibt es Ă€hnliche Konzepte. An sich eine lobenswerte Idee. Aber: Der Entschluss, den FĂŒhrerschein abzugeben, ist endgĂŒltig, und die AbhĂ€ngigkeit von den öffentlichen Verkehrsmitteln bleibt fĂŒr den Rest des Lebens bestehen.

Senioren-FĂŒhrerschein
Senioren-FĂŒhrerschein abgeben, und danach?
Foto pixabay.com

Die durchschnittliche Lebenserwartung Neugeborener liegt aktuell bei 80 Jahren. Allerdings leben MÀnner, die heutzutage ihren 80. Geburtstag erreichen, im Schnitt noch 8 Jahre lÀnger; bei 80-jÀhrigen Frauen sind es sogar noch 9,5 Jahre.

In dieser verbleibenden Lebenszeit sinkt die MobilitĂ€t der Senioren tendenziell weiter, mit zunehmendem Alter sind die Über-80-JĂ€hrigen somit immer mehr auf das Auto oder die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen.

FĂŒr Personen, die nur noch sehr schlecht zu Fuß sind, stellen auch vergleichsweise kurze Wege zur nĂ€chsten Bushaltestelle mitunter ein unĂŒberwindbares Hindernis oder zumindest eine große Herausforderung dar. Durch sinkende MobilitĂ€t kann es dazu kommen, dass immer hĂ€ufiger ein Taxi notwendig ist; und sich das eingesparte Geld fĂŒr ein kostenloses Jahresticket sehr schnell nicht mehr rentiert.

Der Schritt, den FĂŒhrerschein aus AltersgrĂŒnden abzugeben, fĂ€llt den meisten Menschen nicht nur sehr schwer, da sie ihn als Einbuße ihrer SelbststĂ€ndigkeit und LebensqualitĂ€t empfinden; er ist auch ein EingestĂ€ndnis dafĂŒr, dass die eigene LeistungsfĂ€higkeit deutlich und unwiederbringlich nachgelassen hat.

Der Anreiz, sich trotz all dieser Punkte fĂŒr die Abgabe des FĂŒhrerscheins und die lebenslange Nutzung von Bus und Bahn zu entscheiden, muss daher erheblich grĂ¶ĂŸer sein als eine einzige kostenlose Jahrkarte!

Auch, wenn es um betagte Menschen geht, muss mit respektvollem Optimismus und einer damit verbundenen Weitsicht geplant werden. Ein Gratisjahr in den öffentlichen Verkehrsmitteln, fĂŒr das im Gegenzug lebenslang auf die Fahrerlaubnis verzichtet wird, rentiert sich aber nur dann, wenn es die ĂŒberwiegende verbleibende Lebenszeit der Person abdeckt und ihr somit langfristige MobilitĂ€t garantiert.

Welches GefĂŒhl schwingt also unweigerlich mit, wenn man einem 80-JĂ€hrigen ein Gratisjahr als rentabel schmackhaft machen möchte? Fakt ist: Niemand fĂŒhlt sich durch eine geschenkte Jahreskarte belohnt, die ihm das GefĂŒhl vermittelt, er werde sie ohnehin nicht viel lĂ€nger brauchen.

Zwar zeigen verschiedene Statistiken, dass viele Senioren das Angebot nutzen, doch die Zahlen sind ein Trugschluss: Die Anzahl der Personen, die ihren FĂŒhrerschein freiwillig abgeben, ist nicht höher als in StĂ€dten, in denen dafĂŒr keine „Belohnung“ vorgesehen ist.

Wie sinnvoll ist die Alterspauschalisierung?

Fakt ist: Mit zunehmendem Alter lĂ€sst unsere körperliche und kognitive LeistungsfĂ€higkeit nach. Der Seh- und Gehörsinn, die Reaktionsgeschwindigkeit und die KonzentrationsfĂ€higkeit verschlechtern sich, das Risiko fĂŒr Erkrankungen nimmt zu, und die Wahrscheinlichkeit, dass wir (dauerhaft) Medikamente einnehmen mĂŒssen, steigt.

All dies kann zu einer GefĂ€hrdung von Verkehrsteilnehmern fĂŒhren.

Das große Aber lautet: Es lĂ€sst sich weder eine klare Grenze ziehen, ab wann das Alter als kritisch zu betrachten ist, noch ist es auch nur annĂ€hernd möglich, alle Senioren ĂŒber einen Kamm zu scheren. Davon abgesehen kommen die genannten Problematiken im höheren Alter zwar hĂ€ufiger vor, können aber grundsĂ€tzlich Menschen jeder Altersklasse betreffen.

Als Risikogruppen mĂŒssten demzufolge die Menschen zusammengefasst werden, auf die die genannten Punkte tatsĂ€chlich zutreffen; und nicht blindlings all diejenigen, bei denen das Vorhandensein aufgrund einer Zahl theoretisch wahrscheinlicher ist.

So gibt es 90-JÀhrige, die körperlich und geistig noch absolut fit sind, wÀhrend andere schon mit 60 Jahren deutliche Defizite aufweisen. Eine 85-jÀhrige Person kann kerngesund und auf keinerlei Medikamente angewiesen sein, die potenziell ihre Aufmerksamkeit und ihr Reaktionsvermögen beeinflussen; andere Menschen leiden bereits in jungen Jahren an einer Erkrankung oder sonstigen EinschrÀnkung, die die genannten Risikofaktoren zur Folge hat.

Möchte man sich trotz alldem rein auf Altersgruppen konzentrieren und auf die potenziell „gefĂ€hrlicheren“ eingehen, ist zu bedenken, dass das mit Abstand höchste Sicherheitsrisiko auf unseren Straßen von 18-24-jĂ€hrigen FahranfĂ€ngern ausgeht. NatĂŒrlich wĂŒrde niemand auf die Idee kommen, ihnen deswegen von vornherein keinen FĂŒhrerschein auszuhĂ€ndigen. Ebenso wenig sinnvoll ist es jedoch, sich auf eine Altersgruppe, von der im Vergleich weniger Gefahr ausgeht und die gleichzeitig potenziell mehr auf MobilitĂ€t angewiesen ist, zu fokussieren.

Im Übrigen gibt es gegensĂ€tzliche Studienergebnisse zu der Frage, ob Ă€ltere Autofahrer, die in UnfĂ€lle verwickelt sind, hĂ€ufiger die Schuld tragen (laut Deutscher Verkehrswacht e.V.) oder Opfer sind (laut ADAC).

GrundsĂ€tzlich gilt: Wer sich aufgrund seines Alters, einer Krankheit, Behinderung oder sonstigen EinschrĂ€nkung im Straßenverkehr entweder nicht mehr sicher fĂŒhlt oder objektiv eine Gefahr darstellt, muss seinen FĂŒhrerschein abgeben und sollte keinen Anlass dafĂŒr sehen, diese Entscheidung hinauszuzögern.

Was lÀsst sich aus dem Ganzen schlussfolgern?

‱      Die Fahreignung ist letztlich individuell vom Menschen abhĂ€ngig, eine Alterspauschalisierung ist nicht möglich. Dementsprechend sollten alle Autofahrer gleichermaßen kritisch darauf ĂŒberprĂŒft werden.

‱      Autofahrer, die sich hinterm Steuer nicht mehr sicher fĂŒhlen oder nachweislich nicht mehr fahrtauglich sind, sollten ihren FĂŒhrerschein freiwillig abgeben und dafĂŒr entsprechend „entschĂ€digt“ werden. Dies gilt aber nicht erst fĂŒr Personen ab 80, sondern fĂŒr alle Altersklassen.

‱      Um Menschen den schweren Entschluss, das Autofahren endgĂŒltig aufzugeben, zu erleichtern, muss ein erheblich höherer Anreiz her als ein einziges Jahr kostenlose Bus- und Bahnnutzung. Nach einem Gratisjahr sollten zumindest deutliche VergĂŒnstigungen folgen, und das ein Leben lang.

Was tut unsere Seniorenvertretung?

Die Seniorenvertretung der Stadt Lingen legt ausdrĂŒcklich Wert darauf, dass Senioren bis ins hohe Alter mobil bleiben, ohne dabei um ihre Sicherheit fĂŒrchten zu mĂŒssen. In diesem Zusammenhang bietet sie in Zusammenarbeit mit der Landesverkehrswacht Niedersachsen e.V. den Kurs „Fit im Auto“ an.

Der freiwillige Kurs wird dieses Jahr im Mai stattfinden. Er ermöglicht es Senioren, ihr Fahrvermögen in ihrem eigenen Auto mit Hilfe eines Experten kritisch zu ĂŒberprĂŒfen und eventuelle Schwachpunkte zu entlarven: „Ohne Stress und Druck und garantiert ohne Angst, den FĂŒhrerschein abgeben zu mĂŒssen!“

Zu den PrĂŒfkriterien gehören unter anderem Bremsen, Rangieren, Einparken und die ReaktionsfĂ€higkeit beim Slalomfahren.

Die (vermeintliche) Problematik des Senioren am Steuer wird hier also aus der anderen Richtung angegangen: Der Fokus wird auf die individuellen FÀhigkeiten der einzelnen Person gelegt, und im Falle von Unsicherheiten ist nicht der Verzicht aufs Autofahren, sondern das gezielte Trainieren der SchwÀchen die Konsequenz.

An sich ist das Angebot natĂŒrlich sehr zu begrĂŒĂŸen, da es auch Personen miteinschließt, die unter keinen UmstĂ€nden auf ihre Fahrerlaubnis verzichten möchten und somit weder mit kostenlosen Fahrkarten zu erreichen sind, noch sich freiwillig einer offiziellen ÜberprĂŒfung ihrer FahrtĂŒchtigkeit stellen.

Vergeblich nach UnterstĂŒtzung suchen hingegen diejenigen, die durchaus dazu bereit wĂ€ren, ihren FĂŒhrerschein abzugeben, wenn sie die öffentlichen Verkehrsmittel dauerhaft kostengĂŒnstig nutzen könnten; sowie Senioren, die schon jetzt freiwillig nicht mehr Auto fahren, jedoch Probleme mit der Finanzierung der Bus- und Bahntickets haben.

Fazit

Die Grundidee, Senioren (und prinzipiell alle Menschen) zur Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel zu bewegen, ist absolut zu begrĂŒĂŸen; doch es muss ein erheblich grĂ¶ĂŸerer Anreiz her.

Abgesehen davon, dass das Bus- und Bahnfahren angesichts des Klimawandels generell deutlich attraktiver werden sollte, weisen viele Menschen aufgrund von Alter, Behinderung, Krankheit oder Medikamenteneinnahme körperliche oder kognitive Defizite auf, aufgrund derer sie die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen mĂŒssen oder aus SicherheitsgrĂŒnden unbedingt nutzen sollten.

Vor allem diese Personengruppen mĂŒssen langfristig einen deutlichen Mehrwert darin sehen, das Angebot wahrzunehmen, denn die lebenslange Aufgabe der Fahrerlaubnis ist eine schwere und weitreichende Entscheidung.

Die Seniorenvertretung der Stadt Lingen (Ems) sollte nach deren Motto „Wir fĂŒr Euch!“ handeln und sich dafĂŒr einsetzen, dass die Stadt das Alter der Senioren fĂŒr diese Kampagne auf 65+ absenkt und eine lebenslange deutliche VergĂŒnstigungen bei der Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel bewilligt.

Ein Gratisjahr ist kein Anreiz!

©Opa-Text