Sucht

Jeder zweite Deutsche zeigt ein auffälliges Trinkverhalten

Schenkt man den Studien einmal seine Aufmerksamkeit in Sachen „Alkoholkonsum in der Bevölkerung“, so bekommt man erschreckend hohe Zahlen geliefert. Statistisch gesehen hat von sechs Menschen, jeweils einer ein Alkoholproblem. Gemeint ist damit, dass er entweder ein äußerst kritisches Trinkverhalten an den Tag legt oder bereits in einer Sucht steckt, die eigentlich dringend einer Therapie bedürfte. Da ertappt man sich doch gleich dabei, seinen Familien- und Bekanntenkreis in Gedanken durchzugehen und diese Behauptung zu überprüfen. Und so mancher wird feststellen, dass sich in diesem Kreis tatsächlich Menschen befinden, deren Trinkverhalten aus der Norm fällt.

14 Millionen Menschen in unserem Land, deren Alkoholkonsum zumindest bedenklich ist. Wie man weiß, erfassen Statistiken in der Regel nur die tatsächlich bekannten Fälle. Üblicherweise kann man solche Zahlen hochrechnen auf das Dreifache, um an eine realistische Situation heranzukommen. Wenn es danach geht, wäre etwa jeder zweite Bundesbürger mehr oder weniger betroffen.

Interessanterweise hat das IFT einmal untersucht, ob sich das Trinkverhalten in verschiedenen Berufsgruppen unterschiedlich darstellt. Und tatsächlich sind dabei neue Erkenntnisse gewonnen worden. Grob gesagt hat man herausgefunden, dass zunächst einmal die ostdeutsche Bevölkerung mehr Alkohol konsumiert als die westdeutsche. Lediglich in der Anzahl der Tage, an denen die Menschen soviel trinken, dass sie sich selbst als betrunken bezeichnen würden, liegt der Anteil in den neuen und alten Bundesländern gleich hoch. Näher untersucht wurden die Berufsgruppen, von denen man weiß, dass ihre Nähe zum Alkohol auch einen Einfluss auf ihr Trinkverhalten hat. So z.B. Berufe, bei denen es zu vielen Events und Kontakten mit anderen Menschen kommt, wie Schauspieler und Politiker, Vertreter oder auch Journalisten und Mitarbeiter der gesamten Medienbranche. Eine weitere gefährdete Berufsgruppe sind die Bau- und Metallarbeiter, die verstärkt zum regelmäßigen Bier nach Feierabend greifen. Und dann sind da natürlich noch diejenigen, die quasi an der Quelle sitzen: Die Hersteller, Winzer und Gastronomen.

Ein Hang zum Alkoholismus
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Selbst wenn man mal bei der statistischen Zahl von 14 Millionen Alkoholgefährdeten ausgeht, so kann man dieses Ergebnis nur als katastrophal bezeichnen. Denn, betroffen ist ja in den meisten Fällen nicht nur der Trinkende selbst, sondern mit ihm oft die ganze Familie. Und was am Anfang noch als harmloser Rausch nach einer Feier belustigt abgetan wird, kann schnell zum Albtraum für die restlichen Familienmitglieder werden. Kinder leiden besonders unter den Auswirkungen zu hohen Alkoholkonsums der Eltern. Und Kinder können sich nicht aus dieser Situation befreien. Nicht behandelte Alkoholsucht führt unweigerlich in den Ruin der Familie. Die Arbeit geht früher oder später verloren, Miete oder Hauskredite können nicht mehr bezahlt werden, die Ehefrau – oder auch der Ehemann – packt die Koffer und lässt sich scheiden, und innerhalb kürzester Zeit erfolgt ein Absturz, bei dem schwerkranke Alkoholiker erst aufwachen, wenn alles verloren ist.

Leider wird die eigene Sucht immer noch viel zu lange verleugnet aus Scham. Dadurch wird frühzeitige Hilfe verhindert. Auch Ehepartner neigen dazu, den Alkoholkonsum des Partners viele Jahre lang zu vertuschen. Zum einen aus Scham vor Freunden, Nachbarn und der restlichen Familie, zum anderen, weil sie lange Zeit glauben, das Problem selbst in den Griff bekommen zu können. Dieses Vertuschen ist ein ganz typisches Verhalten, das zwar gut gemeint ist, im Grunde aber die Situation unnötig lange und schmerzhaft aufrecht erhält. Ändern an seinem Trinkverhalten kann nur der Trinkende selbst. Erst wenn er selbst diese Entscheidung getroffen hat, können Angehörige stützend und motivierend, Einfluss nehmen.

Deshalb ist es um so wichtiger – gerade auch jetzt – wo wieder viele Feiern und Zusammenkünfte stattfinden, in denen das Trinken scheinbar ganz normal ist, sich selbst kritisch zu beobachten, und sich zu fragen, ob man diese Feiern nicht in erster Linie genießt, weil man endlich wieder in der Öffentlichkeit mit anderen gemeinsam trinken kann. Oder ob es vielleicht einmal eine gute Erfahrung sein könnte, die Feier nüchtern zu verlassen.

Wem das schwer fällt, dem sollte das ernsthaft zu denken geben.

Text Opa Lingen

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