Alkoholkranke Senioren

Senioren und ihre Sucht – die Abhängigkeit vom Alkohol im Alter

Wer träumt nicht davon, den Lebensabend in Ruhe und Gesundheit zu verbringen? Wieder einmal Neues erleben, die Familie betreuen, eigenen Hobbys nachgehen. Doch zuweilen trügt der Schein: Mancher Senior greift nur allzu gerne zum Hochprozentigen. Die Fälle der Alkoholabhängigkeit im Alter nahmen in den letzten Jahren sogar zu.

Die Zahl der Betroffenen steigt

Die Kaufmännische Krankenkasse KKH hat im Juni 2019 erschreckende Ergebnisse veröffentlicht: Im Rahmen einer Langzeitauswertung, die den Alkoholkonsum unter Senioren untersuchen soll, wurde die steigende Zahl der alkoholkranken Personen in dieser Altersgruppe bestätigt. Zwischen den Jahren 2007 und 2017 ließ sich ein Anstieg um rund ein Drittel erkennen. Menschen, die das 65. Lebensjahr überschritten haben, neigen dabei aus unterschiedlichen Gründen zur Anfälligkeit für eine Sucht. Zwar sei neben dem Konsum auch eine relativ hohe Abhängigkeit vom Tabak festzustellen. Andere Rausch- und Suchtmittel werden von den Senioren dagegen weitgehend gemieden oder sind diesen sogar unbekannt.

Mehr als 355.000 Menschen bundesweit, die das 65. Lebensjahr überschritten haben, gelten als alkoholkrank. Doch für viele Ärzte ist es schwer, die Symptome der Sucht von den Anzeichen einer normalen Krankheit zu unterscheiden. Der leicht schwankende Gang, das von Erinnerungslücken geprägte Gedächtnis, eine undeutliche Aussprache oder die Neigung zu Rötungen und Ekzemen auf der Haut: Ohne eine grundlegende Untersuchung lässt sich selbst für Mediziner kaum erkennen, ob es sich hierbei um eine Abhängigkeit oder um die ersten Anzeichen des zunehmenden Alters handelt. Warum aber tendieren immer mehr Menschen im Herbst ihres Lebens dazu, dem Drang nach Bier, Wein und harten Spirituosen nachzugeben?

Der Einstieg in die Sucht gelingt unbemerkt

Abhängigkeit vom Alkohol
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Übrigens sind es zumeist nicht die alkoholreichen Getränke selbst, die den Weg in die Abhängigkeit ebnen. Vielmehr kommen Senioren bereits beim Besuch der Apotheke oft mit Hochprozentigem in Kontakt. Die Tropfen zur Stärkung des Immunsystems oder der gegen Schnupfen und Husten helfende Sirup: Nicht selten handelt es sich dabei um Präparate, die mit einem relativ hohen Anteil an reinem Alkohol versetzt sind. Das liegt vornehmlich daran, dass dem im Alkohol enthaltenen Ethanol als Lösungs- und Konservierungsmittel eine hohe Bedeutung zukommt. Zwar wird auf der Verpackung ausdrücklich darauf hingewiesen – doch nicht jeder Konsument liest diesen Aufdruck.

Erschwerend kommt hinzu, dass der Alkohol dieser Präparate vielfach eine Wechselwirkung mit anderen Medikamenten eingeht. Selbst mit solchen, die ihrerseits als weitgehend unbedenklich gelten. Spürbare Nebenerscheinungen können sich aber vor allem bei der gleichzeitigen Einnahme von Antibiotika und Alkohol einstellen. Zumal nicht übersehen werden darf, dass bei Personen im gestiegenen Lebensalter die Fähigkeit des Körpers zum Abbau des Alkohols abnimmt. Würden gesunde und kräftige Menschen, die mitten im Leben stehen, das Vorkommen an Ethanol im Medikament kaum bemerken, so können Senioren die dadurch ausgelöste Wirkung durchaus über mehrere Stunden hinweg wahrnehmen. Insbesondere dann, wenn sie sich der drohenden Gefahr nicht bewusst sind.

Weniger ist im Alter eben mehr

Ohnehin beginnt der bewusste Alkoholkonsum bei Senioren oft erst vergleichsweise spät. Gerade in den Anfangsmonaten kann von einem freiwilligen Betrinken noch keine Rede sein. Doch auch hier zeigt sich, wie anfällig der menschliche Organismus mit zunehmenden Lebensjahren wird. Gelingt es jüngeren Personen noch spielend leicht, ein Glas Bier oder Wein zu einem guten Essen zu verdauen, so kann die darin enthaltene Menge an Alkohol bei einem Menschen im höheren Alter schon deutlich wahrnehmbare Veränderungen im Verhalten auslösen. Der unsichere Gang und die undeutliche Sprache gelten dabei als erste Symptome.

Als weiteres Problem kommen die Organe hinzu, die ihrerseits vielleicht nicht mehr ganz optimal arbeiten. Das Alter, frühere Erkrankungen, eine falsche Ernährungsweise sowie der jahrelange Konsum von Medikamenten können die Funktionsweise von Herz, Leber und Nieren erheblich beeinträchtigt haben. Auch das im guten Glauben eingenommene und mit Alkohol versetzte medizinische Präparat, das die Abwehrkräfte stärken und zu einem gesunden Wohlbefinden beitragen soll, kann somit durchaus das Gegenteil bewirken. Erneut fällt es den Ärzten und den Betroffenen zunächst schwer, einen Hang zum Alkoholismus zu diagnostizieren – und doch steigt die Bereitschaft der langsam in die Abhängigkeit gleitenden Person zur regelmäßigen Einnahme von Hochprozentigem sichtbar an.

Die Einsamkeit des Alters

Als Ursache für den zunehmenden Alkoholmissbrauch nennen viele Senioren ihre Lebensumstände im Alter. Oft handelt es sich dabei um Menschen, die ab der Jugend bis zu ihrem 65. Lebensjahr immer Aufgaben und Ziele verfolgt haben: Der Beruf und die damit verbundene Karriere, die Familie mit allen frohen und traurigen Momenten. Eben ein Leben, das in geregelten und vielleicht sogar vorgezeichneten Bahnen verlief – und das sich somit gänzlich von der Einsamkeit und der Tristesse im Ruhestand unterscheidet. Vor allem natürlich dann, wenn der geliebte Lebenspartner schon verstorben ist und der Kontakt zur Familie seltener wird.

Ebenso muss beachtet werden, dass gerade in den stillen Momenten oft in Erinnerungen geschwelgt wird. Doch nicht immer ist damit Positives verbunden. Wer frühere Traumata und schlechte Erlebnisse zuvor nicht verarbeitet hat, kann bis ins hohe Alter hinein von ihnen geplagt werden. Zumal es sich bei den jetzigen Senioren um eine Generation handelt, in der der Gang zum Psychologen nicht als derart normal angesehen wurde, wie das in der heutigen Gesellschaft üblich ist. Zum Verdrängen der seelischen Schmerzen hat sich der Alkohol leider längst etabliert. Dabei könnte ein gutes Gespräch mit Freunden vermutlich deutlich besser und grundlegender über das mentale Leid hinweghelfen.

einHang zum Alkoholismus
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Der Körper spielt nicht mehr mit

Das oft lange Berufsleben und die Jahre im Kreise der Familie haben aber gleichfalls ihren Tribut gefordert. Wer seine von Kraft und Vitalität geprägten Jahre hinter sich gelassen hat, wird früher oder später erste Beschwerden feststellen. Die gebeugte Körperhaltung, die abnehmende Kondition, vielleicht sogar regelmäßige Schmerzen oder sogar chronische Leiden: Insbesondere unter Senioren hat sich der Alkohol den Ruf bewahren können, bei kleinen Schwächephasen oder Krankheiten durchaus stärkend und reinigend zu wirken. Entsprechend oft kann bei ersten Symptomen etwa des Schnupfens der Griff zum Hochprozentigen festgestellt werden. Eine Neigung, die manchen älteren Menschen kaum noch auszureden ist.

Gleiches gilt für ein leckeres Essen, zu dem der Alkohol in unterschiedlichen Varianten nach Sichtweise vieler Senioren schlichtweg dazugehört. Er soll immerhin die Verdauung verbessern. Ähnliches lässt sich vor der Nachtruhe beobachten. Das Glas Wein oder Schnaps in den späten Abendstunden oder die mit Alkohol versetzten Einschlaftropfen sollen einen geruhsamen Schlaf ermöglichen. Dass das darin enthaltene Ethanol durch den gealterten und zuweilen durch Krankheiten geschwächten Körper aber nur unzureichend abgebaut werden kann, wird zu gerne übersehen. Auch hier hält sich leider zäh der Irrglaube, der Alkohol würde zur Beruhigung der Nerven und damit zu einer entspannten Nacht beitragen.

Wege aus der Sucht

Wie aber kann es gelingen, älteren Menschen ein Verhalten abzugewöhnen, das von ihnen über Jahre und Jahrzehnte hinweg als normal oder sogar als gesund angesehen wurde? Im ersten Schritt gilt es, die Maßnahmen der Aufklärung zu verstärken. Familienmitglieder und Freunde sollten ebenso wie Ärzte oder Pfleger bei auffälligem Verhalten oder ersten Symptomen auch den Verdacht des erhöhten Alkoholkonsums ansprechen. Ein gut gemeintes Schweigen ist hier schlichtweg die falsche Option. Zugleich müssen aber durch Senioren- und Pflegeverbände die Möglichkeiten zu einer individuellen – und natürlich stets vertraulichen – Beratung im kleinen Kreis verbessert werden, um die Sucht zu bekämpfen.

Im zweiten Schritt ist es oft erforderlich, den Betroffenen aus seiner Isolation und seiner Lethargie zu begleiten. Der Wunsch nach einem ruhigen Lebensabend steht neuen Erlebnissen, vielleicht kleineren Herausforderungen, einem gesunden Maß an Bewegung und viel Abwechslung schließlich nicht im Wege. Vielfach genügen diese unterstützenden Maßnahmen schon, um die Lebenslust der Senioren wieder ein wenig anzufachen – und die seelischen sowie körperlichen Leiden zumindest in ersten Ansätzen zu kurieren. Gelingt das, wird nicht alleine der einzelnen Person geholfen. Vielmehr lassen sich dadurch die Zahlen der Alkoholerkrankungen im Alter künftig senken. Ein ambitioniertes Ziel zwar – für eine Gesellschaft der gegenseitigen Hilfe aber zu erreichen.

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