Lingen – Kommunalwahlen

Kommunalwahlen, aber kein Programm für die Generation 60 plus

In Lingen (Ems) findet am 12. September 2021 die Kommunalwahl statt. Bemerkenswert ist in diesem Jahr, dass nicht eine einzige der angetretenen Parteien und Wählergemeinschaften spezielle Angebote für unsere Generation 60 plus im Programm führt. Das Wählerpotenzial dieser Gruppe durch mangelnde Offerten zu vernachlässigen muss schlicht als fahrlässig gelten. Dabei gäbe es genügend Handlungsbedarf. Schauen wir uns einige Punkte im Detail an.

Das Problem mit dem Führerschein im Alter

Wie schon an anderer Stelle kommuniziert bietet die Stadt Lingen ihren Senioren ab dem 80. Lebensjahr an, dass sie mit einem Jahresticket ein Jahr lang kostenlos den öffentlichen Nahverkehr nutzen können, wenn sie freiwillig den Führerschein abgeben. Das wirkt nur auf den ersten Blick großzügig, denn was folgt nach diesem Jahr? Dann werden die wieder ein Jahr älter gewordenen Seniorinnen und Senioren finanziell zusätzlich mit den Nahverkehrskosten belastet. Oberbürgermeister Dieter Krone fand für das Angebot die euphemistische Umschreibung, man wolle den älteren Mitbürger*innen ein Angebot unterbreiten, sobald sie ihre eigene Unsicherheit im Straßenverkehr spüren. Dieses Angebot indes auf ein Jahr zu begrenzen wirkt im harmlosesten Fall kleinlich, im schlimmsten Fall zynisch. Die Kosten für einen lebenslängliches Nahverkehrsticket für die wahrscheinlich überschaubare Zahl an Interessenten aus dieser Gruppe sprengen gewiss kein kommunales Budget. Es wäre Zeit, dass sich Kommunalpolitiker dieser Problematik annehmen, wenn sie sich zur Wahl stellen.

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Der Bestattungswald in Lingen

Die Suche nach einem Bestattungswald in Lingen ist seit geraumer Zeit ein kommunales Thema, das keine der Parteien und Wählergemeinschaften aufgreift, die aktuell zur Kommunalwahl antreten. Es gibt wie immer bei solchen Projekten Befürworter und Gegner, deren Argumente inzwischen bekannt sind und hitzig diskutiert werden. Zwei Gebiete – der Biener Busch und der Schepsdorfer Wald – kämen infrage. Das Modell des Friedwaldes ist schon lange bekannt und in Deutschland relativ gut etabliert, es stößt allgemein auf eine hohe Akzeptanz. Die Lingener Kommunalpolitik hält sich nun mit der Diskussion um den Ort auf, Naturschützer reden mit, der NABU Emsland Süd hat gegen einen Bestattungswald im Naturschutzgebiet Biener Busch sein Veto eingelegt. Die Alternative des Schepsdorfer Waldes wäre allerdings ebenfalls gut geeignet. Es ist nun an der Zeit, das Thema auf die Agenda im Wahlkampf zu setzen, doch davon ist leider nichts zu hören oder zu lesen. Dies muss angesichts des hohen öffentlichen Interesses als schweres Versäumnis gelten.

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Öffnung der Fußgängerzone für Radfahrer

Hier haben wir ein weiteres offenes Thema, das auch und gerade Senior*innen betrifft. Es gibt viele Argumente für und gegen eine ganztägige Öffnung der Fußgängerzone für den Radfahrerverkehr. Sie müssen bedacht und entsprechend der örtlichen Gegebenheiten gegeneinander abgewogen werden. Die Entscheidung liegt letzten Endes bei der Kommunalpolitik.

Eine ganztägige Öffnung der Fußgängerzone in Lingen für den Fahrradverkehr, sollte die Bedürfnisse und Interessen aller beteiligten Parteien geachtet werden. Insbesondere die Sicherheitsbedenken von besonders gefährdeten Personengruppen wie Senioren, kleinen Kindern und Menschen mit Behinderungen müssen ernst genommen werden. Zum Schutz dieser Gruppen erscheint mir eine Öffnung der Fußgängerzone für Fahrradfahrer nicht sinnvoll.

Es wäre angebracht, im anstehenden Wahlkampf die Interessen der älteren Mitbürger*innen auch bei diesem Thema in den Fokus zu rücken. Davon ist leider nichts zu vernehmen.

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Nachbarschaftshilfe für Corona-Betroffene

Die Einschränkungen durch die Corona-Maßnahmen können Senior*innen besonders hart treffen: Sie kaufen bei geschlossenen Geschäften längst nicht alles so selbstverständlich online, wie das Menschen bis Anfang 50 machen. Sie leiden auch unter geschlossenen Klubs und fehlenden Kulturveranstaltungen möglicherweise am meisten, weil viele von ihnen allein oder bestenfalls zu zweit mit weit entfernter Verwandtschaft leben. Nun wäre es angebracht, vonseiten der Kommunalpolitik kreative Konzepte zu entwickeln, wie die Generation 60 plus trotz der nötigen Hygienemaßnahmen nach wie vor ins gesellschaftliche Leben eingebunden werden kann und wie man diesen Menschen auch ganz praktisch nachbarschaftlich hilft. Manches benötigt kaum Aufwand, vielleicht nur eine/n Betreuer/in für begleitete Spaziergänge in kleinen Gruppen. Denkbar wären auch Zusammenkünfte mit kleinen Programmen unter Einhaltung der vorgeschriebenen Sicherheitsabstände. Es gibt sicherlich noch diverse weitere Ideen, die von den Senior*innen selbst kommen könnten. Meistens ist aber eine kleine finanzielle und organisatorische Unterstützung nötig. Hiervon war im laufenden Kommunalwahlkampf noch kein Wort zu hören.

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Können wir es uns leisten, Wähler*innen ab 60 zu vernachlässigen?

Die Antwort ist schnell gegeben: Keine politisch verantwortliche Person – egal auf welcher Ebene – darf Senior*innen außer Acht lassen. Es handelt sich um eine stimmen-, finanz- und einflussstarke Gruppe, die oft Wahlen entscheidet. Aufgrund der Demografie wächst sie zahlenmäßig, organisiert sich besser und ist auch immer besser informiert. Ihre digitale Kompetenz steigt nämlich, wenn auch nicht ganz so schnell wie bei den Jungen. Doch sie reicht aus, um wichtige News sofort abzurufen und sich untereinander problemlos zu vernetzen. Ältere können daher auch starke Lobbygruppen bilden, wozu sie jedes Recht der Welt haben. Dass die Kommunalpolitiker in Lingen ihre Generation 60 plus scheinbar aus den Augen verloren haben, muss daher unbegreiflich erscheinen. Eventuell ist ihnen die schiere statistische Macht ihrer älteren Mitbürger*innen nicht vollständig bewusst. Vielleicht helfen einige Zahlen:

  • Der Bevölkerungsanteil ab dem 65. Lebensjahr lag 2017 bei 21 %. Im Jahr 2060 wird er 31 % betragen.
  • Im Jahr 2021 gehört etwa jeder dritte Wahlberechtigte zur Generation 60 plus.
  • Die Wahlbeteiligung dieser Altersgruppe liegt auch bei Kommunalwahlen über 80 %. Das ist sehr viel, denn die Gesamtwahlbeteiligung aller Altersgruppen in Deutschland liegt bei Kommunalwahlen (über viele Jahre betrachtet) nur bei 45 – 50 %.


Die Zahlen sind wichtig, weil relevant für Kommunalpolitiker, die gewählt werden möchten. Dass sie zu wenig auf die Belange der Generation 60 plus eingehen, könnte daran liegen, dass diese Menschen eher leise sind. Sie demonstrieren selten und nicht so lautstark wie die Jungen, sie echauffieren sich nicht so pointiert bis aggressiv in den Medien und sozialen Netzwerken, doch sie geben stillschweigend ihre Stimme ab. Außerdem erwarten sie von der Politik die nötige und verdiente Aufmerksamkeit. Von allen heute lebenden und wählenden Generationen haben sie am längsten dieses Land aufgebaut. Sie verfügen über Erfahrung, Weitsicht und Urteilsfähigkeit. Einen Kommunalpolitiker können sie fast allein ins Amt heben oder ihn abwählen. Natürlich erreichen sie meistens als Gruppe allein noch keine Stimmenmehrheit, zudem wählen sie ja nicht alle dieselbe Partei. Jedoch dürfen wir ihren Einfluss in den Familien und im sonstigen Umfeld nicht unterschätzen. So manch unentschlossener jüngerer Wähler befragt vielleicht kurz vor der Wahl die Oma oder den Opa, wen man denn heute noch wählen soll. Damit könnten sich Stimmen aus der Generation 60 plus potenzieren.

Wichtig ist für die Lingener Kommunalpolitik der (überall geltende) Fakt, dass Menschen ab dem 60. Lebensjahr wirklich scharf beobachten, wie Politiker handeln, was sie versprechen, was sie davon halten und wie glaubwürdig sie erscheinen. Mit Werbeparolen ist die Generation 60 plus nicht mehr einzufangen, was ja nicht zuletzt die Werbewirtschaft zutiefst bedauert. Den Parteien und Wählergemeinschaften in Lingen ist nun mit Stand Anfang August 2021 zu raten, dass sie in ihrem Wahlkampf einen Endspurt mit deutlich schärferem Fokus auf die Interessen von Seniorinnen und Senioren hinlegen.

Text Opa Lingen