Weihnachten

Weihnachten steht bevor

Es ist Dezember, ich sitze vor meiner Tastatur und frage mich, welche Tasten ich bedienen muss, damit auf dem Bildschirm ein Text erscheint, der mit Weihnachten in Verbindung steht. Oft hilft bei einer Schreibblockade der Blick aus dem Fenster. Doch heute stürzt er mich noch tiefer in das Nichts meines Bildschirms. Ein fieser feiner Nieselregen fällt unablässig aus einer grauen Wolkendecke, die sich von Horizont zu Horizont erstreckt. Ich schließe die Augen und versetze mich in die Weihnachtszeit der vergangenen Jahre zurück. Tatsächlich tauchen nach einigen Sekunden, wie aus einem fernen Nebel, erschreckende Bilder auf:

Das Weihnachtsfest steht bevor. Damit diese Zeit, eine Zeit der Besinnung und Ruhe werden kann, ist es alljährlich notwendig sich wochenlang vorher, möglichst viel Stress und Hektik aufzuladen. Da sind Geschenke zu planen und zu besorgen, das passende Geschenkpapier muss her, Postkarten mit Weihnachtsgrüßen müssen geschrieben und rechtzeitig zur Post gebracht werden. Auch einige Päckchen sind dabei, die rechtzeitig auf den Weg müssen, Kekse sind zu backen, besondere Gerichte für das gemeinsame Essen mit der ganzen Familie sind vorzubereiten. Der Weihnachtsschmuck muss aus dem Keller geholt werden – vor allem der Weihnachtsbaumständer – der, wie jedes Jahr, nicht auffindbar ist, obwohl man ihn extra so weggestellt hatte, dass man den ganzen Sommer immer wieder an ihn erinnert wurde. Dabei ist der Tannenbaum noch nicht gekauft – es scheitert an der Frage, ob er mit oder ohne Ballen sein soll, Kerzen fehlen auch und das Lametta, das man sorgfältig zusammengelegt hatte, ist nur noch ein Metallknäuel. In Panik wird Ausschau gehalten nach der Weihnachtskrippe, die vom Urgroßvater geerbt wurde und ohne die Weihnachten, einfach kein Weihnachten ist. Wo ist das Weihnachtsmannkostüm für Onkel Hugo? Ach richtig, es ging im letzten Jahr in Flammen auf! Und wo sind die Kugeln geblieben? Ah! Schon gefunden! Unter der Last der Lichterketten haben die zarten Glaswände nachgegeben und liegen in bunten Scherben auf dem Kartonboden. Der Vorrat an Nüssen hat die Adventszeit nicht überlebt und muss neu gefüllt werden, wie auch der Teller mit den süßen Naschereien. Und der passende Wein für die Gans ist auch noch zu besorgen. Da heißt es, sich am Heiligen Tag noch einmal ins Einkaufsgewühl zu stürzen.

Was soll ich mich ärgern, anderen Menschen geht es nicht besser, sonst wären die Geschäfte nicht überfüllt und die Straßen nicht verstopft. Offenbar macht den Menschen diese Hektik Spaß und der Kaufrausch findet am 24. Dezember seinen Höhepunkt. Ich liege also im Trend und kann mich entspannt den Werbeverlockungen hingeben. Bei der Gelegenheit bietet es sich an, einmal einen dieser allseits beliebten kletternden Weihnachtsmänner zu kaufen, wie man sie seit einigen Jahren mehr und mehr an sämtlichen Häuserwänden erblickt. Und überhaupt werden auch in unserem Land immer mehr Ideen sichtbar, um das Haus nicht nur innen weihnachtlich zu schmücken, sondern auch außen. Schon längst begnügt sich nicht jeder mehr mit einer blinkenden Lichterkette an der Tanne im Vorgarten. Wer Bäume hat, lässt alle erstrahlen und auch in den Büschen glitzert es festlich. Dass in sämtlichen Fenstern Lichterketten hängen, ist natürlich Ehrensache. Ebenso erstrahlt so manche Regenrinne in nie gekanntem Glanz während Engelchen und Tannenzweige vor der Eingangstür schweben und in strahlender Pracht ein Weihnachtsmann mit seinem Schlitten gerade auf dem Dach landet.

Kerze am ersten Advent

Es gibt Straßenzüge, wo sich Hausnachbarn in einem unausgesprochenen Wettkampf befinden, und Jahr um Jahr sich gegenseitig mit neuer Deko und zusätzlichen Leuchtgebilden zu übertrumpfen. Ein Anblick dieser Straßenzüge lässt manche Fußgängerzone kläglich im Vergleich aussehen. Und meine bescheidene Dekoration mag ich da gar nicht erwähnen.

Schweißgebadet öffne ich meine Augen und mir fällt ein Stein vom Herzen. Noch ist nicht Heiligabend, und somit auch kein Grund in Hektik zu verfallen. Ich fahre den PC herunter, brühe mir einen Tee auf, nehme mir mein Lieblingsbuch, lege meine Lieblings-CD auf und mache es mir auf dem Sofa gemütlich. Jetzt kann Weihnachten kommen. Das heißt, das Wichtigste fehlt noch: Eine kleine Kerze als Symbol dafür, wie wenig eigentlich nötig ist, um ganz entspannt und ohne Hektik einen besinnlichen Augenblick zu schaffen.

Text und Bilderrechte Opa