Geschichten von der Emanzipation
Die Scheibenwischanlage
Es war Dienstag, fast 17 Uhr. Gerade Feierabend, endlich. Ich machte mich also mit meinem neuen Auto auf den Weg nach Hause. Es war schon wieder mal fürchterlich ekliges Wetter. Und da war es soweit: das Wasser der Spritzanlage war aus. Was hilft’s: man quält sich trotzdem irgendwie halb blind nach Hause. Zuerst dachte ich mir, ich sollte es gleich auffüllen. Ich kam dann aber zu dem Ergebnis, dass das nicht ging, weil ich erstens nicht wusste, wie man die Motorhaube des neuen Autos öffnet und weil ich zweitens keine Ahnung hatte, wo mein Mann wohl seinen Riesenbunker an Frostschutzmittel versteckt hat. Ich beschloss also, ihn am Abend darum zu bitten. Wie es das Schicksal so will: ich vergaß es natürlich.
Als wir dann schon im Schlafanzug und gerade auf dem Weg ins Bett waren, hatte ich natürlich wieder die Eingebung. Er holte mir also eine Flasche Frostschutzmittel und ich stellte sie mir für den nächsten Morgen bereit. Er meinte nur: „Ich steh dann schon mit auf und helf’ dir.“ Das fand ich dämlich. „Du brauchst doch jetzt nicht bloß wegen mir um fünf Uhr aufstehen, ich schaff das schon.“ Das ging noch zweimal so hin und her, bis er schließlich beschloss, es gut sein zu lassen.
Am nächsten Morgen stand ich auf und füllte ganz cool den Eimer mit Wasser und Spülmittel, packte meine Handtasche, Eimer und Frostschutz und wackelte so im Dunkeln zu meinem Auto, das an der nächsten Straße parkte. Was ich nicht einkalkuliert hatte: man hätte zum Auffüllen der Spritzanlage eventuell Licht gebrauchen können. Nun stand ich also da und es gab kein Zurück mehr (zumindest nicht ohne Blöße). Dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen: ich hatte immer noch keine Ahnung, wie man die Motorhaube öffnet! Jetzt wieder zurück?! Neeeein!! Nach längerem Suchen fand ich immerhin schon mal den Hebel, mit dem man die Motorhaube entriegeln konnte. Leider half mir das nichts, weil die Motorhaube dort immer noch fest hing. Ach ja, beim alten Auto war da ja unten noch im Kühlergrill ein Stäbchen, das man ziehen musste. Mist, da war natürlich kein Stäbchen. Ich fummelte also verzweifelt da herum, und kam nicht so recht drauf. Mittlerweile war aus dem Haus nebenan ein Mann gekommen. Er stand jetzt etwa fünf Meter neben mir und wartete dort offensichtlich auf etwas. Ich geriet in Panik ob der peinlichen Situation. Irgendwie schaffte ich es per Zufall, diese schreckliche Suche nach dem Öffner zu beenden. Ich hatte die Motorhaube nun zwar offen, konnte aber den Clip nicht finden, an dem man die Stange für das Offenhalten fixieren konnte. Ich fummelte also eine gefühlte Ewigkeit im Motorraum umher.
Ich überlegte kurz, ob ich den Mann bitten sollte, mir zu helfen. Aber neee, im Dunkeln einen fremden Mann ansprechen? Hört sich nicht besonders toll an… Und außerdem schaffe ich das sowieso allein! Irgendwann schaffte ich es, die Motorhaube festzustellen und so konnte es losgehen. Ich musste aber leider feststellen, dass ich keinen blassen Schimmer hatte, wo denn nun der Spritzwasserbehälter war. Also erst mal zurück ins Auto, Handy holen. Mit dem Handy leuchtete ich den kompletten Motorraum aus, bis ich den Waschtank fand. Der Mann sah mir mittlerweile unverhohlen zu. Ich öffnete – fast hysterisch – den Verschluss des Behälters und versuchte, – wie mir mein Mann aufgetragen hatte – die Hälfte der Flasche mit Frostschutzmittel einzufüllen. Tja, als ich wieder absetzte, war weit mehr als dreiviertel drin. Shit happens, schon passiert.
Und dann musste ja noch das Wasser rein. Leider hätte ich hierfür jetzt mindestens drei Hände gebraucht. Der Deckel des Behälters war so widerspenstig, dass er sich nicht zur Seite drehen ließ. Man musste ihn zwingend festhalten, sonst wäre er sofort wieder in seine ursprüngliche Position zurückgesprungen. Ich hielt also mit einer Hand diesen vermaledeiten Deckel fest und versuchte mit der anderen Hand möglichst viel des Wassers aus dem Eimer in den Tank zu bringen. Das führte zu einer ziemlich großen Überschwemmung. Ich hörte, wie sich das Wasser erst wie ein großer Wasserfall in das Innere des Motorraumes ergoss und dann schließlich auf dem Unterboden des Autos auftraf und tropfte. In diesem Moment näherte sich ein Auto und der Mann, der mich nun seit fast zehn Minuten beobachtet hatte, stieg ein und fuhr davon. Er hatte seinem Fahrer sicherlich einiges zu erzählen. Ich schnappte mir nur noch den Eimer und die Frostschutzmittelflasche, packte beides ins Auto und machte mich auf den Weg, mittlerweile eine Viertelstunde zu spät (ich wollte ja ursprünglich auf das Wasser auffüllen maximal fünf Minuten verwenden).
Nun, das Thema habe ich mittlerweile abgehakt (verdrängt?). Heute ist Sonntag. Ich fahre zu meiner Mutter. Und jeder kennt das: ich fahre hinter einem Lkw, kann nicht überholen und werde ständig „eingesaut“. Ich versuche meine Spritzanlage zu betätigen und da rührt sich gar nichts.
Soviel zum Thema „Emanzipation“: Ich stehe dazu, ich bin eine Frau und bin nicht für alle Arbeiten geschaffen. Aber eins, da bin ich mir sicher, kann ich wirklich gut. Und das werde ich beim nächsten Mal auch wieder anwenden… „Schaaaatz? Kannst du mir mal helfen?“ Das funktioniert immer.
Text „Die Scheibenwischanlage“ kommt von Opa Lingen
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