Einsamkeit im Alter

Die Einsamkeit im Alter – Wege hinein, Wege hinaus


Ein langes und erfülltes Leben gehört zu den Wünschen vieler Menschen. Doch wer macht sich in der Jugend schon seine Gedanken darüber, wie sich das Alter anfühlt? Mehr noch: Wie schmerzhaft mag es sein, viele Freunde und vielleicht sogar den Ehepartner verloren zu haben? Wie aber kann Betroffenen geholfen werden, die Einsamkeit zu überwinden?

Langsam und unbemerkt

Die Einsamkeit ist oft ein schleichender Prozess, der – ehe er bemerkt wird – durchaus mehrere Jahre oder sogar Jahrzehnte andauern kann. Das einst glückliche Leben in der großen Familie zerbricht, wenn Kinder und Enkel für den Beruf, das Studium oder aus Neugier in eine andere Stadt ziehen. Der vielleicht ohnehin nie ganz innige Kontakt zu den sonstigen Verwandten bricht allmählich ab: Das Alter fordert seinen Tribut, Großeltern und Eltern, Onkel und Tanten, Cousins und Cousinen segnen das Zeitliche. Und nicht jede Person ist in der glücklichen Lage, Geschwister zu haben, mit denen gemeinsam der Weg in die letzten Lebensjahre beschritten werden kann.

Ganz ähnlich gestaltet sich die Lage bei den Freunden und Bekannten. Sicherlich, während der aktiven Arbeitsjahre gab es zahlreiche Kontakte zu den Kollegen – doch seit der Pensionierung hat sich daraus doch auch nichts Richtiges mehr entwickelt. Und die Freunde von damals? Na, die führen heute eben gleichfalls ihr eigenes Leben, haben sich mit ihren Problemen herumzuplagen oder finden für ein gutes Gespräch einfach nicht mehr genug Zeit. Nach und nach zerbrechen somit jene Kontakte, die einen Menschen über viele Jahrzehnte hinweg durch alle Schwierigkeiten begleitet haben. Die Erkenntnis, nun alleine zu sein, ist sehr schmerzhaft.

Frauen sind häufiger betroffen

Übrigens ist die Einsamkeit im Alter ein Problem, das vorwiegend Frauen betrifft. Sie besitzen von Natur aus eine längere Lebensdauer als die Männer – im Schnitt werden sie sieben Jahre älter. Statistisch gesehen hat jede zweite Dame ab dem 75. Lebensjahr ihren Ehepartner überlebt. Mit zunehmendem Alter wird die Kluft sogar noch deutlicher: Drei von vier Frauen, die das 85. Lebensjahr erreichen, leben alleine. Es ist also gewiss keine Seltenheit, dass Damen noch auf einige Jahre voller Lebensfreude schauen, während sie ihren Gatten bereits beerdigen lassen mussten. Die körperliche und geistige Nähe, der persönliche Austausch, die lieb gewonnenen Marotten des Partners brechen damit weg.

Zumal nicht jede Person nach langen und glücklichen Jahrzehnten des Ehelebens in der Lage ist, neue Kontakte zu knüpfen. Ein Partner oder eine Partnerin ist nicht immer gewünscht. Wer sich dennoch auf die Suche begibt, scheitert zuweilen an dem Versuch, sich auf etwas Neues einzulassen. Körperliche Gebrechen können zugleich dem Wunsch im Wege stehen, häufiger auszugehen, das Leben unter Menschen zu genießen und somit der Tristesse der Einsamkeit zu entkommen. Oftmals ist es für viele Betroffene somit leichter, sich in das eigene Schicksal zu fügen – auch, um sich selbst vor weiteren Rückschlägen zu schützen.

Einsamkeit im Alter
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Depressionen im Alter

Solche Voraussetzungen begünstigen die Gefahr, an seelischen Leiden zu erkranken. Der einst lebensfrohe Mensch, der neugierig auf Unbekanntes war, ergibt sich in eine allgemeine Grundtraurigkeit. Der Verlust geliebter Personen, das Nachsinnen über verpasste Gelegenheiten, die abgebrochenen Kontakte zu Freunden, eventuell sogar die Frage nach dem Sinn des Lebens: Soll das jetzt wirklich schon alles gewesen sein? Die Neigung alleinstehender Menschen, im gehobenen Alter an einer Depression zu erkranken, ist deutlich höher als bei Vergleichspersonen in der Mitte ihres Lebens. Zumal oft kein Sinn mehr in dem Versuch gesehen wird, sich aufzuraffen und das Leben zu genießen.

Damit wiederum beginnt der Weg in eine negative Spirale. Denn wer ohnehin schon mit Depressionen zu kämpfen hat, wird den Kontakt zu den Mitmenschen scheuen und somit erst recht der Einsamkeit nicht mehr entkommen können. Dabei wäre es zweifelsohne die bessere Option, hier und da ein wenig über den eigenen Schatten zu springen und sich auf manches Abenteuer einzulassen. Das muss ja nicht direkt eine feste Bindung werden – aber doch die Freundschaft zu einer netten Person, mit der sich gute Gespräche führen lassen. Genau das ist es nämlich, was vielen Menschen im fortgeschrittenen Alter oft so schmerzlich fehlt.

Die Selbstzweifel wachsen

Demgegenüber besteht bei vielen Senioren aber auch die – natürlich gänzlich falsche – Ansicht, sie würden den jüngeren Menschen im Wege stehen. Sie fühlen sich somit nicht mehr recht akzeptiert, sehen sich bei Gesprächen als Außenseiter und fragen sich, welchen Platz sie in der heutigen Gesellschaft überhaupt noch besitzen. Zumal sie Zweifel hegen, ob sie eine Unterhaltung überhaupt noch führen können: Was sind die Themen, die die Welt heute beschäftigen? Immer wieder fühlen sich ältere Personen ausgegrenzt. Ebenso meinen sie es gut, wenn sie ihren Mitbürgern nicht zur Last fallen wollen – und wissen doch nicht, dass sie genau das nicht tun würden.

An dieser Stelle ist indes auch die Gesellschaft gefordert, die Senioren wieder verstärkt in ihre Mitte zu holen. Denn wer auf ein langes Leben blickt, kann viel erzählen. Das mag etwa im Beruf gelten, wo die erfahrenen Mitarbeiter den Auszubildenden noch manche wichtige Lektion erteilen können. Das gilt umso mehr aber dort, wo ältere Menschen über persönliche Schicksale, über Krisen und Notlagen, mithin über das Leben an sich berichten. Denn sie sind es, die auf viele offene Fragen jüngerer Menschen die Antworten bereits kennen. Statt den Weg in die eigene Einsamkeit zu suchen, könnten sie der Gesellschaft somit helfen.

Die Scheu der Jugend

Allerdings sollte nicht übersehen werden, dass es gerade für jüngere Menschen häufig nicht eben leicht ist, den Kontakt zu älteren Mitbürgern zu suchen, aufzubauen und ihn über eine längere Zeit zu pflegen. Auch dort herrschen Vorurteile und Ängste. Zu oft fühlt man sich nicht in der Lage, den Senioren helfen zu können. Denn welche Person, die erfolgreich und vital in der Mitte ihres Lebens steht, weiß denn schon, wie es sich anfühlt, nahezu alle früheren Kontakte zu verlieren? Wer kann ermessen, wie groß die seelischen Schmerzen sein müssen, die Liebe des Lebens zu vermissen?

Dennoch sollte es gelingen, derlei Brücken schnell zu überwinden. Personen unterschiedlicher Generationen haben sich schließlich viel zu erzählen – nicht selten Unbekanntes und Interessantes. Viel Neues also, womit sich das eigene Leben bereichern lässt. Gerade die Senioren sind oft neugierig darauf, aus dem Alltag jüngerer Menschen zu erfahren, wertvolle Ratschläge geben zu können oder einfach zuzuhören. Denn darin liegt die Basis, um künftig wieder vermehrt am Alltag der Gesellschaft teilzunehmen. Wichtige Säule des großen Ganzen zu sein – ohne sich ausgegrenzt zu fühlen oder sich in die eigene Einsamkeit zu fügen. Auch alleinstehenden Menschen hat das Leben so viel mehr zu bieten.

Konkrete Tipps für einsame Personen

Doch so schön derlei Gespräche auch sein mögen – sie genügen kaum, um Betroffene wirklich aus ihrer Isolation zu begleiten. Wichtig ist es somit, darüber hinaus auf Hobbys und gesellige Aktivitäten hinzuweisen. Viele Vereine freuen sich darauf, Mitglieder höheren Alters begrüßen zu können. Wer möchte und bei wem die körperlichen und geistigen Kräfte noch mitspielen, der darf seine Hilfe natürlich ebenso in sozialen und karitativen Einrichtungen anbieten. Auch hier wird man sich über die Unterstützung der Senioren freuen – sie wiederum profitieren davon, erneut eine feste Aufgabe im Leben zu haben und zu fühlen, dass sie gebraucht werden.

Ältere Mitbürger sollten zudem dazu animiert werden, sich der neueren Technik nicht zu verschließen. Denn das Bedienen eines Handys oder das Surfen durch das Internet ist nicht so kompliziert, wie es auf die Senioren oft wirkt. Die Vorteile hierbei überwiegen aber. So wird das Knüpfen neuer Kontakte deutlich erleichtert. Der Austausch und das Einbringen eigener Erfahrungen sind jederzeit in den unterschiedlichen Foren möglich, zuweilen ergeben sich hier freundschaftliche Verbindungen. Überhaupt gilt es, dem Leben und der Gesellschaft wieder mehr Beachtung zu schenken, sich seine Gedanken über das Tagesgeschehen zu machen, die Möglichkeit zur Kommunikation zu besitzen – und somit tatsächlich der Einsamkeit des Alters zu entfliehen.

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