Lingen Hotel Mama

Auch in Lingen kochen die Mütter am besten!

Zu meiner Sturm- und Drangzeit zog man so früh wie möglich zu Hause aus. Nicht, weil man nicht gut versorgt wurde, sondern weil man sich nach Freiheit, nach Unabhängigkeit sehnte. Es war die Zeit der gesellschaftlichen Umbrüche. Wer kein Geld für eine eigene „Bude“ hatte, der zog eben bei Freunden oder Freundinnen ein. Viele WGs waren offen, für alle, die in etwa die gleiche politische Meinung vertraten und einen eher lockeren Lebensstil führten. Manch einer zog so von einer Wohngemeinschaft zur anderen. Im besten Fall wurde gemeinsam gegessen und gekocht, im schlechtesten gab es eben nichts. Das war der Preis der Freiheit. Geschlafen wurde, wo Platz war, auf Matratzen, die seinerzeit irgendwie in allen Kellern und Wohnungen zu Hauf herum lagen. Irgendwie war das alles kein Problem, Hauptsache unabhängig.

Im Hotel Mama in Lingen ist noch ein Zimmer frei.
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Das scheint sich  total gewandelt zu haben. Fanden sich die Eltern damals mit 40 Jahren betrübt allein im Haus wieder, weil alle Kinder Nestflucht begangen hatten, so sieht man heute bei den 60jährigen lange Gesichter. Und warum? Die Kinder sehen nicht den geringsten Anlass, das Haus zu verlassen! Dies gilt vor allen Dingen für die Söhne. Jedenfalls so lange nicht, bis sie einen Partnerin gefunden haben, die Wert auf traute Zweisamkeit in einer gemeinsamen Wohnung legt.

Offensichtlich ist der Drang nach Unabhängigkeit völlig erloschen. Oder er kann uneingeschränkt auch im Elternhaus ausgelebt werden. „Hotel Mama“ ist dafür der Begriff. Aber das kann doch nicht der einzige Grund sein? Wir wurden doch auch von Muttern lecker bekocht und bekamen unsere Wäsche sauber in den Schrank gelegt. Natürlich war das auch für uns bequemer, aber irgendwie war der Wunsch, nach einem eigenen Lebensstil, wichtiger als ein voller Kühlschrank und der Sonntagsbraten.

Jeder zweite junge Mann bleibt lt. Statistiken bis zum 25. Lebensjahr zu Hause wohnen. Oft genug bleibt auch Mamas Service all die Jahre genauso zuverlässig und stabil, wie zu den Zeiten, als man wirklich noch klein war und auf ihre Fürsorge angewiesen war. Da werden Brote geschmiert und das Lieblingsessen gekocht, das Zimmer gesaugt und die Wäsche gewaschen. Eine Gegenleistung in Form von Mithilfe im Haushalt gibt es selten. Eine Bekannte von mir hat auch so ein Exemplar zu Hause. Ein wirklich lieber Kerl und mit seinen 24 Jahren eigentlich alt genug, um auf eigenen Beinen zu stehen. Wenn ich mir dann aber ansehe, wie meine Bekannte den kleinen Pascha zu Hause verwöhnt, dann schleicht sich bei mir der Verdacht ein, dass ihre gelegentlichen Klagen darüber, dass der Sohn einfach nicht selbständiger wird, mehr als ein schwaches Täuschungsmanöver sind. Und mir scheint, dass sie im Grunde ihres Herzens, ganz froh darüber ist, dass ihr Prinzchen noch immer an ihrer Seite weilt. Immerhin ist das ja auch ein indirektes Kompliment, hinsichtlich ihrer Bemühungen dahin, dass man sich bei ihr wohl fühlen soll. Und das wird auch deutlich, wenn sie wieder einmal im Katalog nach schicker Unterwäsche und neuen Shirts für den Kleinen sucht. Für sie ist das wahrscheinlich völlig normal, das hat sie schließlich die letzten 24 Jahre auch gemacht.

Als ich ihr vorschlug, er könne doch diese Dinge auch selber einkaufen, kam prompt die Antwort, dass er ja so unselbständig sei, und ohnehin nicht wüsste, welche Größe er bestellen müsse. Das gilt natürlich auch für Hosen, Schuhe und die Winterjacke, die demnächst wieder dran ist. Dass müsste ich doch wohl verstehen, meinte sie, dass sie ihn in solchen Dingen ein wenig unterstützt. Zumal Männer ja ohnehin nicht so gut allein zu­recht­kom­men.

Dies ist wie gesagt ein Trend und nicht etwa ein Einzelfall. Habe ich recht mit meiner Vermutung, dass die Mütter unbewusst geheime Bande stricken, um ihre Söhne zu halten? Oder besteht einfach kein Bedarf mehr an der Gestaltung eines eigenen Lebens?

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