Lingen, wir gehen wählen

Wahlbegebenheiten bei Oma und Opa-Lingen

In diesem Sommer sind unsere Enkelkinder „Achtzehn“ geworden. Seitdem sind sie rechts- und geschäftsfähig und sie dürfen jetzt erstmals wählen. Das gilt für alle Wahlen, die in diesem September stattfinden beziehungsweise stattgefunden haben. In Niedersachsen kann man schon mit 16 Jahren an Kommunalwahlen teilnehmen; doch dafür waren die Enkel beim letzten Mal noch zu jung.

Insofern fiebern sie regelrecht den folgenden Wahlen entgegen – zumindest teilweise

Kommunalwahlen (Ortsrat, Stadtrat + Kreistag je 3 Stimmen) waren am 12.9.2021

Bundestagswahlen am 26.9.2021

Wahl der Seniorenvertretung 8.11-12.11.2021

Alle kommunalen Wahlen waren einheitlich für Sonntag, 12. September vorgesehen, und mögliche Stichwahlen sonntags zwei Wochen darauf. Die Lingener Seniorenvertretung wird erst zwischen dem 8. und 12. November gewählt.

Wir sind nicht, wie man sagt, politisch angehaucht, wenngleich wir alle uns politisch informieren, darüber diskutieren und manchmal auch die Köpfe heißreden. Mittendrin sind dann unsere beiden allein schon ihres Alters wegen überaus streitbaren Enkel. Staatsbürgerkunde in der Schule, Friday for Future im Fernsehen, Kommentare Pro & Kontra und Hashtags in den Social Media oder die Meinungen von Freund & Feind in dieser Gemengelage ist es nicht einfach, mit achtzehn Jahren eine eigene Richtung zu finden, sie zu entwickeln und dann auch noch standhaft zu verteidigen.

Doch das ist das „Schöne“ an einer Wahl: Man kann noch so oft und lange diskutieren und lamentieren wie man will spätestens am Wahltag gehört das Kreuz in den Kreis. Da gibt es kein Drücken und kein Wegducken. So zumindest haben wir unseren Sohn erzogen, und der wiederum unsere beiden Enkel.

Corona sorgt für Briefwahl

Bundestagwahlen Stimmzettel
Foto pixabay.com

Wir Oma und ich haben uns gemeinsam mit Tochter und Schwiegersohn schon vor Monaten vorgenommen, diesen Wahlmarathon zu einem Event zu machen. Jeder macht mit, jeder ist mit ganzem Herzen dabei, und natürlich darf auch nach Lust und Laune gestritten, diskutiert oder auch mal durchs Wohnzimmer geschrien werden. Mir war besonders daran gelegen, meine beiden Enkel „mit Know-how zu füttern“. Denn was sagen einer oder einem Achtzehnjährigen schon ein bräsiger Ortsbeirat von Darme, die Ratsfrau oder der Ratsherr von Lingen oder das noch nie vis-à-vis gesehene Kreistagsmitglied des Landkreises Emsland?

Reinweg gar nichts!

Corona-bedingt haben wir uns einstimmig dazu entschieden, von unserem Briefwahlrecht Gebrauch zu machen, um dem Risiko im Wahllokal aus dem Weg zu gehen. So wurde ein Termin festgelegt, zu dem wir die Zusendung der Wahlunterlagen beantragen und bis wann wir die anschließende Briefwahl durchführen würden. Unsere Enkel bekamen gemeinsam die verantwortungsvolle Aufgabe übertragen, alle Wahlbriefe bei der Deutschen Post Filiale persönlich in den Briefkasten zu werfen.

Für sechs Personen und fünf Wahlen ergibt das immerhin mehr als 30 einzelne Wahlumschläge!

Gefeiert wurde „unsere 2021er Wahl“ am ersten September-Wochenende mit einem Pizzaabend, Rotwein und O-Saft. Jetzt war’s geschehen. Die Kreuze waren in den Kreisen, nichts war mehr zu ändern und jeder konnte frei darüber sprechen, wen, was und warum er so gewählt hatte wenn er wollte. Man kann sich vorstellen, dass es dank unserer freudigen Diskussionskultur ein doch etwas längerer, zeitweise auch lauter Abend geworden ist.

Und das besonders Schöne daran: Oma, Schwiegertochter und Enkel waren bis zum Schluss mit dabei. Es ergab sich keine Männerrunde während sich die Frauen in die Küche verdrückten Nein, alle waren mit Herzblut bei der Sache. Jeder musste oder wollte jeder erklären, warum seine Tinte tiefgrün, pechschwarz, knallrot oder andersfarbig war. Denn auch das macht unser Haus aus: Achtung und Respekt, Toleranz sowie Offenheit und Wertschätzung jedem gegenüber. Wenn auch mal die Fetzen fliegen das rüttelt nicht an den Grundfesten, die uns alle zusammenhalten und verbinden.


So und jetzt möchte ich doch noch das eine oder andere Argument kundtun, mit dem ich meinen Enkeln die Wichtigkeit auch von örtlichen und regionalen Wahlen nahebringen konnte hoffentlich.

• Der Darmer Ortsrat vertritt im Lingener Stadtrat die örtlichen Interessen an der Schnittstelle zwischen Ortsteil und Stadt. Dazu gehören Kanalisation, Reinigung und Beleuchtung der Straßen, bis hin zur Flutlichtbeleuchtung auf dem Sportplatz.

• Der Lingener Stadtrat wird zukünftig nicht mehr von der CDU geradezu dominiert. Er ist Ansprechpartner für alle städtischen Belange. Kommunalpolitik ist immer Politik von Bürgern für Bürger. Jede Kommune, so auch die Stadt Lingen steht vor dem Problem, zusätzlich zu den gesetzlichen Pflichtaufgaben noch Geld für andere Projekte erübrigen zu können. Der Rat ist die städtische Legislative.

• Der Kreistag ist auf den Landkreis Emsland bezogen vergleichbar mit dem Stadtrat. Was wie im Kreisgebiet geschieht oder auch nicht, entscheidet der Kreistag als Legislative. Die Exekutive sind analog zum OB der Landrat und die Kreisverwaltung. Typische Landkreisthemen sind ÖPNV, Wohnungsbau, Kreisstraßenbau sowie medizinische Versorgung im Landkreis Emsland mit seiner Fläche von knapp 3000 km² und 320.000 Einwohnern.

• Die Lingener Seniorenvertretung war in unserer „Familien-Wahlarena“ kein besonderes Thema für die Enkel. Wählen können Oma und Opa; denn nur sie als über 60-jährige sind überhaupt wahlberechtigt. Großelternthemen jedweder Art wollten wir unseren Enkeln anlässlich ihres ersten Urnenganges nun wirklich ersparen. Die Seniorenvertretung ist als ehrenamtliches Gremium das Bindeglied zu Rat & Verwaltung der Stadt Lingen.

Über die Sinnhaftigkeit des aktiven Wahlrechts zur 2021er Bundestagswahl brauchte Opa nun wirklich nicht viel sagen. Die Enkelkinder gehören zu denjenigen, die ja aus Überzeugung unbedingt wählen wollen. Das haben Sie jetzt erstmals getan, indem sie eigenhändig ihre Wahlbriefe auf den Weg gebracht haben.


Unsere Familienchronik, die Oma und ich vor mehr als einem halben Jahrhundert begonnen haben und die wir eines Tages an Schwiegersohn und Tochter weitergeben werden, ist nun um einen Meilenstein reicher die erste Wahrnehmung des aktiven Wahlrechts durch unsere Enkel anlässlich der 2021er Wahlen.

Text Opa Lingen